Gerald Hüther ist offiziell Professor für Neurobiologe und zählt zu Deutschlands bekanntesten und meistzitierten Forschern. Er befasst sich wissenschaftlich u. a. mit dem Einfluss früher Erfahrungen auf die Hirnentwicklung, mit den Auswirkungen von Angst und Stress und mit der Bedeutung emotionaler Reaktionen. Aber das ist ihm offenbar nicht komplex, relevant, angewandt genug. Er hat (noch) Größeres im Visier. Aus eigenen Forschungserkenntnissen und denen anderer Neurobiologen entwickelt Hüther das hochinteressante Programm eines gesellschaftlichen und kulturellen Wandels: weg von der Ressourcennutzung hin zur Potenzialentfaltung. Hüther will günstigere Voraussetzungen für die Entfaltung menschlicher Potenziale schaffen. Dabei verknüpft er sich – als überzeugter Netzwerker – mit Experten, Wissenschaftlern und Praktikern aus Disziplinen wie Erziehung, Bildung und Persönlichkeitsentwicklung. Einführung in einen Denker und sein System.
Der Hirnforscher als Kulturschaffender
Hüther skizziert die gesellschaftliche Situation, in der wir stecken, prägnant so: Bis vor kurzem waren die Menschen in allen Kulturen auf Ressourcennutzung programmiert. Alle Anstrengungen richteten sich darauf, etwas (in der Natur) zu finden und durch technische Erfindungen, durch Wissenschaft irgendwie nutzbar zu machen. Eine solche Ressourcennutzungskultur nimmt das Vorgefundene und macht es sich zu eigen. Irgendwann aber gehen die Ressourcen zwangsläufig zu Ende. Und es ist Zeit für eine andere Kultur: die der Potentialentfaltung.
Dafür, dass diese Zeit bereits angebrochen ist, gibt es wichtige Indizien und Anregungen aus Hüthers Stammdisziplin, der Hirnforschung. Zwei der wichtigsten lauten: 1. Menschen kommen zwar mit einer großen Lust am Entdecken und Gestalten zur Welt. Aber es gilt auch: Sie kommen mit mehr Potential, mit mehr Möglichkeiten (hirntechnisch: mehr Verschaltungsangeboten) auf die Welt, als sie später nutzen. Die meisten geben sich im Laufe ihres Lebens oder ihrer Karriere mit einer Kümmerversion davon zufrieden, was aus dem anfänglichen Potenzial hätte werden können. Und 2.: Es gibt erwiesenermaßen einen Zustand, in dem der Mensch seine Potentiale voll entfalten kann, und zwar unabhängig vom Lebensalter. Das ist der Zustand der Begeisterung. Um im Hirnforscherjargon zu sprechen: Ist ein Mensch begeistert, werden im Hirn die so genannten emotionalen Zentren, neuronale Gruppen im Mittelhirn, aktiviert, die mit ihren langen Fortsätzen in die höheren Bereiche des Cortex, auch in die präfrontale Rinde hineinreinreichen. An den Enden dieser Fortsätze werden dann die neuroplastischen Botenstoffe ausgeschüttet, die ähnlich wie Nährsubstrate funktionieren und Nervenzellen, deren Rezeptoren durch die diese Stoffe aktiviert werden, anregen, sich extrem innovativ zu verhalten: Sie produzieren neue Eiweiße und schreiben neue Gensequenzen ab, um daraus neue Fortsätze, neue Membrane, neue Kontakte zu knüpfen. Das Hirn könnte sich demnach lebenslang weiterentwickeln, wenn es dem Menschen gelänge, begeisterungsfähig zu bleiben. Ist Begeisterung also das große Hüther-Thema?
Eine besonders bedeutsame Bedeutsamkeit
Um was es Hüther eigentlich geht, sitzt noch etwas tiefer in der menschlichen Psyche. Der Kern-Begriff für sein Denk- und Aktionssystem ist: Bedeutsamkeit. Er sagt: Nur, wenn uns etwas unter die Haut geht, wenn wir etwas als bedeutsam erfahren, sind wir begeistert. Und weiter: Dem Menschen fällt es heute immer schwerer, im großen Rauschen, im reißenden Infostrom (der Produkte, Medien und Nachrichten) eine Bedeutsamkeit als besonders bedeutsam zu identifizieren. Die Folge: Dauerberauscht und überinformiert, begeistert sich der Mensch für gar nichts mehr. Das ist fatal, weil er so auch keine neuen Erfahrungen mehr verankern und auch keine Selbstwirksamkeit mehr erleben kann. Das Gefühl, Welt gestalten zu können, geht verloren. Man ist und bleibt nur Konsument.
Gegen diese Un-Kultur der Passivität und gegen die wachsende Bedeutungslosigkeit ist Hüther immens aktiv, weit über seine Göttinger Forschungsnische hinaus. Zum Beispiel in Schulen, in Unternehmen, in Organisationen, in der Politik: „Ich halte es für meine Pflicht, die wissenschaftliche Expertise, die mir über all die Jahre zugewachsen ist, überall dort einzubringen, wo sie gebraucht wird, damit etwas Neues entstehen kann.“
Die Sinn-Stiftung: Hüther als Gestalter
Im Zentrum der Hüther-Bemühungen stehen die Aktivitäten als Präsident der Sinn-Stiftung, einer „gemeinnützigen, religiös und politisch unabhängigen Stiftung öffentlichen Rechts zur Unterstützung von Projekten und Initiativen, die deutlich machen, wie es gelingen kann, dass Menschen gemeinsam über sich hinauswachsen.“
Hier initiiert und begleitet er (mit seinen Kollaborateuren) Projekte, in denen neurobiologische Erkenntnisse praktisch umgesetzt werden. Die Projekte sind auf Menschen in allen Lebensphasen abgestimmt, richten sich an Babies wie Senioren. Es gehören z.B. diverse Interventions- und Förderprogramme für Kinder dazu (wie „via nova“ für Kinder mit sog. Aufmerksamkeitsstörungen). Das sind allesamt Modelle gegen den überhöhten Leistungsdruck und eine an (vermeintliche) Effizienz ausgerichtete Verwaltung der Kinder. Denn – so Hüther: Dieses „Erziehungsideal“ ist aus neurowissenschaftlicher Sicht erledigt, weil es fatale langfristige Konsequenzen hat: Die unter solchen Druck erworbenen Erkenntnisse und Fertigkeiten werden nämlich mit den erlebten negativen Gefühlen von Angst, Verunsicherung, Abwertung und Ohnmacht verkoppelt. Was die weitere Entfaltung von Offenheit, Interesse und Kreativität langfristig unmöglich macht oder wenigstens stark hemmt. Hüther, selber Vater von drei (mittlerweile erwachsenen) Kindern, agiert also für eine Kultur der Wertschätzung, der Anerkennung, der Ermutigung und der gemeinsamen Anstrengung. Nicht nur für Kinder.
Hirnforschung und Management: Supportive Leadership
Aus einer Idee des indischen Yogi Paramahansa Yogananda hat Hüther das Programm für eine neue, prozess- statt ergebnisorientierte Führungskultur entwickelt. Er nennt es „supportive leadership“, und es beschreibt eine Tendenz weg vom Führungskraftverhalten, das Schwächen kompensiert und mit Macht, Sanktionen, Abwertung von Untergebenen arbeitet; und das Veränderungen über Ratio, Ratschläge, Seminare, Zielvorgaben und gängige Belohnungs- und Beratungssysteme erreichen will.
„Supportive Leadership“ will stattdessen die innere Haltung sowohl der Führungskräfte wie der Mitarbeiter tangieren und nimmt Führungskräfte als strategische Denker ernst. Sie sollen die Kräfte, die frei werden, wenn Potentiale sich entfalten, so klug leiten, dass etwas nachhaltig Gutes entsteht. „Supportive Leadership“ spricht zwei Grundbedürfnisse an, die bereits in der frühen Kindheit herausgebildet werden (hier kennt sich Hüther ja bestens aus): den Wunsch, dazu zu gehören (Bindungsbedürfnis) und den Wunsch, immer wieder über sich hinaus zu wachsen (Wachstumsbedürfnis). Die drei Säulen des Programms heißen entsprechend: 1. Einladen: Mitarbeiter auf der Gefühlsebene motivieren, sie einladen, sich auf ihre eigen Weise auf eine neue Aufgabe einzulassen. Auch und vor allem die Problematischen, die Faulenzer, Drückeberger, Mut- und Lustlosen. Das erfordert gerade auch von Führungskräften ein Umdenken und Durchhalten. Sie müssen besonders ihre schwierigen Mitarbeiter mit neuen Augen sehen und bei allem, was stört, auch etwas finden, was gefällt: eine lobenswerte Eigenschaft, eine gute Einstellung. 2. Ermutigen: Mitarbeitern vertrauen, dass sie eine eigene Lösung finden. 3. Inspirieren: Mitarbeiter um der Sache willen für etwas begeistern. Um das leisten zu können, müssen Führungskräfte sich als Sparringspartner, Begleiter, Berater und Coaches verstehen – und natürlich selber begeisterungsfähig sein. Klingt alles zu schön, um realistisch zu sein? Das Programm läuft u.a. erfolgreich bei einem DAX-Unternehmen.
Ein kleiner Schwall aus der Gießkanne der Begeisterung
Zum Schluss noch etwas Typisches für Hüther, den begabten Kommunikator: Er kann, was nicht viele können: auch komplexeste wissenschaftliche Sachverhalte vermitteln, ohne missverständlich zu simplifizieren. Er nennt das “Applied Neuroscience” = angewandte Neurobiologie. Um die Brücke aus der Wissenschaft zu den eher unwissenschaftlichen Menschen zu schlagen, bedient er sich gekonnt einer bildhaften Sprache. So spricht er z.B. im großen Potential-Kontext von der „Gießkanne der Begeisterung“. Sie ist es, die neuroplastische Botenstoffe auf die neuronalen Netzwerke gießt, um neue Verschaltungsmuster aufzubauen.
Natürlich hat Hüther auch für seine Vorliebe für Bilder eine neurobiologische Erklärung parat: Sie setzen sich einfach besser im Gehirn fest als sachliche Erklärungen.
B.O.-Beitrag für das Magazin LANS Memorandum.
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Veröffentlicht am 12/01/2012
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