Für die Bertelsmann Stiftung haben wir die dritte Ausgabe der Zeitung “sidestep” konzipiert und realisiert. Das Thema diesmal: schlau sein.
In diesem Sinne gibt es unter anderem Interviews mit Prof. Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Holm Friebe, Geschäftsführer der ZIA (Zentrale Intelligenz Agentur). Sowie eine Einschätzung von Heiko Ernst, Chefredakteur von „Psychologie heute“, über 3 Intelligenzen, die er für die wichtigsten der Zukunft hält. Dieser Beitrag in voller Länge:
Drei Intelligenzen für morgen
Wie erfüllen wir die immer häufiger und penetrant vorgebrachte Forderung, wir könnten uns nicht auf einmal erworbenem Wissen ausruhen und müssten „lebenslang lernen”? Wie können wir dem Anpassungsdruck standhalten, der von Globalisierung und Digitalisierung ausgeht? Welche neuen Fähigkeiten, „Schlüsseleigenschaften“, kognitiven Stile brauchen wir, um die Neue (Arbeits)-Welt und ihre veränderten Spielregeln zu begreifen und uns in ihr zu behaupten?
Heiko Ernst, Chefredakteur von „Psychologie heute“, hält diese 3 Intelligenzen für die wichtigsten der Zukunft:
1. Kritische Intelligenz: Selektieren kapieren
Zwar sonnen wir uns in den Glanztaten des wissenschaftlichen Denkens, wir sehen uns selbst als “Wissensarbeiter” und “Symbolanalytiker”. Information gilt als der wichtigste Rohstoff unserer Zeit – und doch blüht der Aberglaube, und neue Abgründe des Unwissens und der Dummheit tun sich auf. Umberto Eco scheint recht zu behalten mit seiner Beobachtung: Die Menschen glauben in der wissenschaftlich entzauberten Welt nicht nichts, sondern alles. Information, das Know what, reicht alleine nicht aus, um uns intelligenter zu machen. Sie muss mit Know how verarbeitet, und das heißt: gebändigt, geordnet, bewertet und angewandt werden. Je höher der Informationsdruck steigt, desto dringlicher brauchen wir einen Zuwachs an Unterscheidungs- und Kritikfähigkeit. Nur kritische Denker treffen gute Entscheidungen – in ihrer Berufs- oder Partnerwahl, bei der Planung und Verwaltung ihrer Finanzen, in bezug auf ihre Gesundheit und viele andere Lebensbereiche. „Kritisch denken” heißt nicht, in allem Fehler zu suchen und eine Dauerpose des Krittelns und Mäkelns einzunehmen. Kritisch denken bedeutet, häufiger die Denkprozesse “höherer Ordnung” einzuschalten: Komplexe Zusammenhänge erkennen und verstehen, analysieren, urteilen, abstrahieren, synthetisieren.
Alle kritischen Denkprozesse müssen ihrerseits überwacht werden – durch metakognitives Monitoring, also die Überwachung des Denkens „von höherer Warte” aus: Wie viel Zeit und Energie werden vernünftigerweise in eine Problemanalyse oder -lösung investiert? Was ist das Ziel der Problemlösung? Woran erkenne ich, dass ich das Ziel erreicht habe? Wann ist der Zeitpunkt zum Abbrechen gekommen? Und welche Fähigkeiten muss ich überhaupt einsetzen, um dem Ziel näher zu kommen?
2. Intuitive Intelligenz: Mut zur Planlosigkeit
Wenn allein in erhöhter Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung schon eine intelligente Anpassungsleistung läge, müssten wir in der Tat zu Schnelldenkern mutieren. Die wachsende Bedeutung des kritischen Denkens belegt andererseits, dass in derVerlangsamung von Erkenntnis- und Entscheidungsprozessen der Zugewinn an Intelligenz liegt. Die Prüfung von Angeboten oder die Analyse von Problemen braucht Zeit. Neben dem sorgfältigen kritischen Denken wird deshalb eine weitere Teil-Intelligenz immer bedeutsamer: Das “langsame”, intuitive Denken.
Das Analysieren, Abwägen, Kalkulieren, Überlegen und Urteilen ist der Denk-Modus, in dem wir am häufigsten „arbeiten”. Von diesem Denkstil erwarten wir, dass er die meisten unserer Probleme lösen kann. Daneben existiert jedoch ein weiterer Modus des Welterkennens und der Wissensverarbeitung: das „Lernen und Denken durch Osmose”, wie es der Psychologe Guy Claxton nennt. Diese langsame, planlose und unbewusst arbeitende Form der Intelligenz ist heute ins Hintertreffen geraten – denn sie setzt all das voraus, was wir uns nicht mehr leisten können: Zeit, Muße, Entspannung, Meditation, scheinbar absichtsloses Sinnieren und Träumen. Langsames Denken ist die intuitive, osmotische Aufnahme von Informationen am Rande unseres Weges. Wir haben uns angewöhnt, dieser Erkenntnisform zu misstrauen, obwohl sie gerade in verzwickten, scheinbar unlösbaren Situationen oft die wertvollsten Dienste leistet. Die unbewusste Intelligenz, wie man sie auch nennen könnte, ist in hohem Maße kreativ, weil sie über Unmengen von “beiläufig” gespeicherten Informationen verfügt – und sie liefert erstaunlich praktische Lösungen.
Die Kognitionsforscher Dianne Berry und David Broadbent haben in einer großen Studie viele erfolgreiche Manager nach ihrem “Geheimnis” befragt: “Warum hatten Sie Erfolg?” Kaum einer konnte schlüssig begründen, warum er diese oder jene Entscheidung getroffen hat, die häufigste Begründung war “Ich hatte so eine Ahnung…” Mitunter glaubten sie sogar, sie hätten nur “geraten” oder Glück gehabt. Auch bei erfahrenen Piloten und Medizinern ist diese Fähigkeit zu finden: Sie tun in ihrer Praxis oft intuitiv das Richtige – und können es – etwa einer Nachwuchskraft – oft schlecht erklären. Intuitiv Intelligente verstehen es meisterhaft, unbewusste Hypothesen zu formulieren, und sie erreichen im Laufe ihrer beruflichen Karriere mit traumwandlerischer Sicherheit gute Lösungen.
In einer scheinbar banalen, spielerisch erworbenen Fähigkeit zeigt sich die Überlegenheit der unbewussten Hypothesenbildung gegenüber den nur rational und eindimensional ausgerichteten Strategien: Beim Spiel mit dem Rubik-Würfel nützen Logik und Erinnerungsvermögen wenig, wer sich alle Pfade zum Ziel merken will, ist bald überfordert. Die beste Strategie ist, immer wieder zu probieren, eher beiläufig auf wiederkehrende Muster zu achten und so allmählich, durch scheinbar planloses Herumspielen, die Lösung zu finden. Expertise, die Summe des Wissens und Könnens, das erfolgreiche Menschen in allen Arbeits- und Lebensbereichen auszeichnet und von weniger erfolgreichen unterscheidet, ist das Produkt des langsamen, osmotischen Lernens.
3. Perspektivische Intelligenz: Sichtweisenwechsel ist wichtig
Um von den Anforderungen der Gegenwart nicht überwältigt zu werden, müssen wir eine besondere Form der Selbstbetrachtung kultivieren: Wir müssen lernen, uns selbst perspektivisch zu sehen, das heißt, unsere Bewegungen und Positionen in Zeit und Raum stärker zu beachten. Intelligenz beweist sich auch darin, sich nicht auf die Gegenwart festlegen zu lassen. Niemand sollte sich auf eine “Augenblickspersönlichkeit” reduzieren lassen. Jeder Mensch hat eine individuelle Geschichte, eine Herkunft. Die Fähigkeit zum Erinnern der eigenen Vergangenheit ist heute weit mehr als Nostalgie – erst das Begreifen des eigenen Gewordenseins bietet unter den Bedingungen der Beschleunigung die Basis für das intelligente Planen für die Zukunft.
Auch der spielerische Wechsel bei der Betrachtung der Umwelt ist Teil der perspektivischen Intelligenz. Perspektivisches Denken bedarf deshalb der Selbstermutigung zur Phantasie, zum Experimentieren. Wer perspektivisch denken kann, stellt sich auch leichter “in die Schuhe des anderen” und ist deshalb eher in der Lage, unterschiedliche Weltsichten und Betrachtungsweisen auszuhalten. Er nivelliert Unterschiede nicht möglichst schnell, sondern erträgt Vielfalt und Widersprüche nicht nur aufgrund eines selbstverordneten Toleranzgebotes, sondern auch um sie fruchtbar zu machen.

Veröffentlicht am 10/07/2011
0